Arbeitsgemeinschaft „Eine Welt“: Vortragsabend über die Arbeit der „Kinderhilfe Afghanistan“

Am Dienstag, den 8. April war der gebürtige Tirschenreuther Herr Dr. Erös wieder einmal am Stiftland-Gymnasium Tirschenreuth zu Gast. Er stellte die Arbeit seiner "Kinderhilfe Afghanistan" vor und vermittelte den zahlreich erschienenen Zuhörern eine Reihe beeindruckender Informationen aus erster Hand. Die von ihm gegründeten Schulen versuchen durch Bildung der lernbereiten afghanischen Jugend den Weg in eine friedliche, demokratische Zukunft des Landes zu erleichtern. Schüler des Stiftland-Gymnasiums überreichten als Zeichen der Solidarität ihre Spenden.

                Zu Beginn seines Vortrags stellte Herr Dr. Erös Parallelen zwischen der Zeit des ersten Irak-Krieges und den derzeitigen Auseinandersetzungen im Golf fest. 1990 hatte nach dem Ende der russischen Besatzung eine Zeit intensiver Hilfs- und Aufbaumaßnahmen in Afghanistan begonnen. Damals hatte das internationale Engagement jedoch rasch nachgelassen, als mit dem Beginn des ersten Irak-Krieges das Medieninteresse an dem zentralasiatischen Land erloschen war. Es entstand ein politisches Vakuum, das den Beginn des Talibanregimes erst möglich machte. Der Referent warnte davor, dass auch der derzeitige Golfkrieg den reaktionären Kräften in Afghanistan wieder Auftrieb verleihen könnte, wenn die Weltöffentlichkeit ein zweites Mal in ihrem Engagement nachlassen sollte. 

                "Ein Land, das 23 Jahre Krieg erlebt hat, kann nicht binnen weniger Jahre zu einer Demokratie nach westlichem Vorbild umgestaltet werden. Hier braucht es ein beständiges, vielleicht Jahrzehnte dauerndes Engagement und viel kulturelles Einfühlungsvermögen. Nur dann kann dort eine neue Generation heranwachsen, die in der Lage sein wird, Konflikte mit friedlichen Mitteln und nicht mit Waffengewalt zu lösen." Diesem Ziel sei die Arbeit der "Kinderhilfe Afghanistan" verpflichtet. Gerade das private und politische Engagement aus Deutschland genieße in dieser Hinsicht in Afghanistan höchstes Ansehen, da es sich durch Zuverlässigkeit und Langfristigkeit auszeichne. 

                Anhand eindrucksvoller Bilder stellte Herr Dr. Erös im Folgenden sowohl seine ersten Kontakte mit Afghanistan während der 80er Jahre als auch die vielgestaltige Landesnatur und die liebenswerte Vielfalt der Bevölkerungsgruppen dar. Dabei zeigte sich immer wieder, wie wichtig eine fundierte Schulbildung für ein friedliches und dauerhaftes Zusammenleben der einzelnen Volksgruppen sein wird. In einem Land, in dem nur 10% der Kinder auf eine Schule gehen können, in dem es keine Druckerei und kein landesweites Telefonnetz gibt und in dem die bestehenden Bildungsinitiativen dem Wunsch der Kinder nach schulischer Bildung nur unzulänglich gerecht werden können, ist gerade auch das Engagement der "Kinderhilfe Afghanistan" von größter Bedeutung.

                Die Ausführungen von Herrn Dr. Erös beleuchteten nicht nur die 5000 Jahre alte Kultur der Afghanen und das darin ruhende Selbstbewusstsein dieser Völkergemeinschaft, er zeigte darüber hinaus deutlich, welchen großen Stellenwert körperliche und geistige Widerstandskraft, religiöse Toleranz, Gastfreundschaft und Bildungsbeflissenheit bei Paschtunen, Tadschiken, Usbeken und den anderen 27 kleineren Volksgruppen des Landes genießen.

                Weiterhin erläuterte der ehemalige Offizier und Bundeswehrarzt die Entstehung der berüchtigten Taliban. Es handelt sich dabei um eine Bewegung, die dem afghanischen Volk zutiefst fremd ist und deren Machtergreifung eine direkte Folge fremder, arabischer, pakistanischer und amerikanischer Einflussnahme in jener Region war. Dementsprechend gefährlich stuft der Referent alle vereinfachenden Bewertungen der komplexen Situation in der islamischen Welt ein: "Wer nicht in der Lage ist zu differenzieren, stellt möglicherweise die falsche Diagnose und verursacht damit eine Katastrophe", meinte der Mediziner in der Sprache seines Fachgebiets. Ein primitiver Anti-Amerikanismus sei den Afghanen fremd und es gelte deshalb eine Politik zu betreiben, die die positiven Kräfte im Lande stärke um dem Eindringen solcher Strömungen aus anderen islamischen Ländern entgegenzuwirken. Dazu benötige man kein militärisches Engagement, sondern die Bereitschaft, langfristig in Wiederaufbau, Arbeitsplätze und Bildung zu investieren.

                Nachdenklich wurden die Zuhörer, als sie hörten, dass der gesamte Wiederaufbau des Landes mit 19 Milliarden US $ zu bewältigen wäre, dass aber der amerikanische Krieg gegen Al Qaida und die Reste der Talibankämpfer  bereits 30 Milliaren US $ verschlungen habe und trotz mangelnder Erfolg immer noch fortgesetzt werde. "Sie hören das in den Medien nicht, aber in Afghanistan fallen noch immer tagtäglich die Bomben." Gleichzeitig geht die westliche Wiederaufbauhilfe über die Stadtgrenzen Kabuls nicht hinaus.

                Während die afghanische Hauptstadt Schritt für Schritt wieder aufgebaut wird, liegen die Dörfer des Umlandes und viele andere Landesteile nach wie vor in Trümmern. Hinzu kommt, dass jeder 11. Afghane durch Tretminen verstümmelt ist, darunter viele Kinder, die die Gefährlichkeit der kleinen Plastikkörper häufig unterschätzen. Nach UN-Angaben liegen in Afghanistan bis heute ca. 12 Millionen Minen und Blindgänger und es wird noch Jahrzehnte dauern, bis diese Gefahr für die Bevölkerung beseitigt ist. Deshalb gehört die Aufklärung über Aussehen und Wirkung von Minen zu den zentralen Unterrichtsthemen der von Dr. Erös gegründeten Schulen.

                Der eindringliche Appell des Referenten, Afghanistan in jeder Hinsicht zu unterstützen, machte auch vor sensiblen Themen wie dem wachsenden Opiumanbau nicht Halt. Während die afghanischen Bauern diese Pflanze nur anbauten, weil ihnen keine anderen Erwerbsmöglichkeiten geboten würden, bereicherten sich jenseits der afghanischen Grenzen  skrupellose Beamte und Politiker an einem florierenden Heroinhandel, der in Ländern geduldet werde, die als Mitglieder der Anti-Terror-Koalition massive amerikanische Unterstützung erführen. Herr Dr. Erös hob hervor, dass das Nachbarland Iran einer der wenigen Staaten sei, der den Opiumhandel konsequent unterbinde. Dauerhafte Abhilfe wäre jedoch nur zu schaffen, wenn den afghanischen Bauern ermöglicht würde, konventionelle Agrarprodukte wie Weizen, Roggen oder Kartoffeln gewinnbringend zu vermarkten. Entsprechend faire Handelsstrukturen müssten von internationaler Seite aber erst geschaffen werden.

                Auf dem schwierigen und unsicheren Weg, der vor diesem durch ausländische Kriegsinteressen geschundenen Land liegt, leisten die von Herrn Dr. Erös gegründeten Schulen eine wichtige Arbeit. Noch fehlt es an Geld, Räumen und Lehrkräften um der Lernbereitschaft der afghanischen Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden. Um keine Kinder abweisen zu müssen wird an einzelnen Schulen in drei Schichten unterrichtet. Dabei erlernen die Schüler auf eigenen Wunsch auch Deutsch, das während des 20. Jahrhunderts lange Zeit die meistgesprochene Fremdsprache Afghanistans war. Auch Computerunterricht findet bereits an Mädchen- und Jungenschulen statt, obgleich das für einen Internetanschluss nötige Telefonnetz noch in den Kinderschuhen steckt.

                Nach dem Ende des Vortrags überreichten Schüler des Stiftland-Gymnasiums Herrn Dr. Erös ihre Spenden, die sie in mehrwöchigen Aktionen in der Schule gesammelt hatten. Gemeinsam hatten die SMV und die Arbeitsgemeinschaft "Eine Welt" durch den Verkauf von Rosen am Valentinstag und von Obstsalat und Kuchen in den Pausen 1000 Euro gesammelt, genug Geld um in Afghanistan 200 Schüler einen Monat lang zu unterrichten und mit Schulmaterial und Essen zu versorgen.

                Die Schüler des Stiftland-Gymnasiums betonten ihre Bereitschaft die Arbeit der "Kinderhilfe Afghanistan" auch in Zukunft zu unterstützen und ihre Kollegen im fernen Asien auf dem Weg in eine glücklichere, friedliche Zukunft zu begleiten: Eine Zukunft gemäß dem Koranzitat, das über dem Eingang der neugegründeten deutsch-afghanischen Schulen zu lesen ist: "Die Tinte des Schülers ist heiliger als das Blut der Märtyrer."

[Zur Startseite der Arbeitsgemeinschaft „Eine Welt“]